Heute hab ich die große Ehre Euch eine ganz, ganz tolle Frau vorzustellen. Nina. Ich habe sie über Instagram kennengelernt und finde sie bezaubernd. Sie ist Medizin-Studentin, zweifach-Mama, jobt und inspiriert mich ohne Ende. Danke Nina, für Deine Zeit und Mühe. <3

(Ihr könnt ihrem Weg auf Instagram @gedankenpotpourri verfolgen.)

Liebe Nina. Erzähl kurz ein bisschen was über Dich. Was sind die außergewöhnlichen Lebensumstände unter denen Du studierst?

Liebe Sarah, ich freue mich sehr, dir (und deinen Lesern) hiermit ein wenig Rede und Antwort zu stehen. Vielleicht direkt zu Anfang der Hinweis: Wer weitergehende Fragen an mich hat, darf mich gerne kontaktieren. Ich freue mich immer, wenn unser ungewöhnlicher Weg Menschen dazu verleitet, selbst über möglicherweise für sie passende, ungewöhnliche Wege nachzudenken.

Was ist also so ungewöhnlich an unserem Studentendasein?

  • Ich begann mein Medizinstudium im „hohen“ Alter von 32 Jahren (Details zu meinem vorherigen beruflichen Weg könnt ihr gleich lesen).
  • Aktuell bin ich 36 Jahre alt und im 9. Semester.
  • Wir haben zwei Kinder im Alter von 9 und 11 Jahren.
  • Mein Mann (Björn) hat im letzten Jahr einen ähnlichen beruflichen Haken geschlagen.
  • Er studiert nun mit 39 Jahren Zahnmedizin im 2. Semester.
  • Um unser Familieneinkommen zu gewährleisten, arbeitet Björn 20h pro Woche weiterhin in seinem „ersten Beruf“.
  • Ich habe einen Minijob in der Pflege.
  • Finanziell war und ist das eine große Herausforderung, aber es funktioniert besser als wir befürchtet hatten.

Was studierst Du und was hast Du vorher gemacht?

Ich studiere Medizin im 9. Semester.

Nach meinem Abi (im Jahr 2001) habe ich zunächst eine duale Ausbildung bei der Siemens AG absolviert. Dort habe ich eine Ausbildung zur Industriekauffrau gemacht und zeitglich studiert (B.A. International Management). Im Anschluss habe ich für etwa 7 Jahre bei Siemens im kaufmännischen Bereich gearbeitet. Nachdem unsere erste Tochter geboren wurde kam ich ins Grübeln. Der Beruf war zwar spannend, machte mich aber nicht tiefgehend zufrieden. Nach langen, langen Überlegungen, vielen passenden und weniger passenden Ideen habe ich mich für eine Vollzeit Ausbildung zur Heilpraktikerin entschieden. So kündigte ich meinen Job bei Siemens und begann die HP-Ausbildung im Jahr 2012. Nach 2 Jahren legte ich dann meine Prüfung ab. Die Ausbildung hat mir super viel Freude bereitet, zugleich aber auch ein großes Feuer für die Medizin entfacht. Ich wollte mehr wissen, mehr verknüpfen können und eine bessere Ausbildung haben, die mir mehr Einfluss im medizinischen Bereich ermöglicht, um wirklich umfassend und ganzheitlich für meine Patienten da sein zu können.

Ich musste es probieren, wenngleich die Zweifel enorm groß waren. Ich bewarb mich an der Uni um einen Studienplatz für Medizin. Und ja, was soll ich sagen… Hat wohl funktioniert 😉

Was ist Deine beste Lernstrategie?

Uh. DIESE eine Lernstrategie gibt es nicht. Es sind eher kleine Bausteine, die ich beherzige und bei Bedarf nutze.

Für mich persönlich haben sich folgende Herangehensweisen herauskristallisiert:

  • Zeitig aufstehen und die erste Lernsitzung (ca. 1,5 Stunden) noch vor dem Frühstück starten.
  • Wenn der Kopf eine Pause braucht – Pause machen und sich nicht vom „schlechten“ Gewissen einreden lassen, dass man doch eigentlich noch was machen müsste. Man kann eben nicht immer produktiv sein. Und sich das vor Augen zu halten, entspannt mich.
  • Kleinschrittig denken und mich nicht vom Querlesen durch Fachbücher entmutigen lassen.
  • Ich erstelle meine eigenen Skripte, mit vielen Bildern. Kurz vor der Prüfung schaue ich dann in kein Buch mehr sondern nur noch in meine eigenen Unterlagen.
  • Komplexe Themen erkläre ich mir, wie in einer Art Vorlesung, selbst. Dabei nehme mich auf Video auf. Das war am Anfang zwar etwas befremdlich aber man gewöhnt sich schnell daran. Für mich persönlich ist das immer super hilfreich.
  • Den Überblick über das gesamte Studium behalten. Wann kommt was? Wann muss ich welche Prüfung schreiben? Kann ich evtl etwas vorziehen und zurückstellen, um meinen persönlichen Studienweg an die Lebensumstände anzupassen?

Wie gehst Du mit Rückschlägen und Schwierigkeiten um? Wie motivierst Du dich immer wieder neu?

Solange ich immer vor Augen habe, WARUM ich angefangen habe zu studieren, lassen sich auch dunkle Zeiten voller Zweifel gut überstehen.

Für mich ist klar – ich möchte der Fels in der Brandung für meine Patienten sein. Ich möchte sie begleiten, aufbauen und bestmöglich medizinisch betreuen. Dafür brauche ich Wissen. Viel Wissen. Das geht eben nur, wenn ich lerne und Hürde nehme, die manchmal unüberwindbar erscheinen. Zum Thema „unüberwindbare Hürden“ noch – mir hilft es zwar, dass große Ganze vor Augen zu haben, zugleich wirkt das Ziel dadurch aber unerreichbar weit weg. Deshalb besinne ich mich immer wieder auf die kleinen Schritte. Denke von Vorlesung zu Vorlesung. Von Prüfung zu Prüfung. Von Semester zu Semester. Kleine Schritte sind viel machbarer als sich ständig vom „Big Picture“ erschlagen zu lassen.  

Welche drei Sachen würdest Du auf eine einsame Insel mitnehmen?

Herz. Seele. Verstand. Gilt das?

Wurdest Du schon mal belächelt/ kritisiert weil Du noch mal studierst und schon „älter“ bist? Falls Ja: Wie hast Du reagiert?

Um ehrlich zu sein, hat das niemand bisher offensichtlich gezeigt oder geäußert. Ich habe eher gegenteilige Erfahrungen gemacht. Es gibt viele Menschen, die mir sagen, dass sie das ziemlich toll und inspirierend finden, dass ich nicht auf festgefahrenen, und für mich langweiligen, Wegen verweile.

Ich muss mich da viel öfter von meinen eigenen Zweifeln frei machen, die mir manchmal einreden wollen, dass ich doch zu alt bin, um nochmal neu zu starten.

Wie sieht ein typischer Tag im Deinem Alltag aus? Wann lernst Du? Typ Eule oder Lerche?

Einen richtig typischen Alltag gibt es vermutlich kaum bei uns. Routine ist eher ein Fremdwort. Mein Studium ist modular aufgebaut. Vorlesungsphasen, Praxisphasen im Krankenhaus und natürlich Prüfungsphasen.

In Vorlesungsphasen schauen wir zum Semesterstart, wie die Vorlesungen liegen und welche ich besuchen möchte (oder muss). Dann setzen wir uns als Familie zusammen und stimmen die Betreuung der Kinder, die Vorbereiten des Mittagessens etc. ab.

In Praxisphasen wird’s besonders anstrengend. Da muss ich 4 Tage pro Woche Vollzeit in der Klinik sein und dazu oft noch recht weit pendeln. Donnerstags habe ich dann immer Zeit zum Lernen. Oder zum Putzen und Wäsche machen… 😉 Allerdings dauern diese Phasen höchstens 6 Wochen. Das ist durchzuhalten.

Dann wären da noch die Prüfungsphasen – die Achterbahnfahrt eines jeden Studenten. Man startet voller Energie und Freude und endet irgendwo tränenüberströmt im tiefsten Selbstzweifel. Mittlerweile kann ich mit diesen Phasen recht entspannt umgehen. Meine Liebsten zum Glück auch! Nach so vielen Jahren des Lernens, weiß ich einfach zu gut, dass dieses Muster sich immer und immer wieder wiederholt. Da kann ich gar nichts dran ändern. Ich kann diese Zeit aber mit dem Gefühl durchlaufen, dass bisher dennoch immer alles gut gegangen ist. Du weißt schon: nach dem Winter kommt der Frühling. Nach dem Regen die Sonne. Wird schon! Atmen und weitermachen.

Wie geht Deine Familie mit Deinem Studium um? Was sagen Deine Kinder dazu? Wie organisierst Du Dich? 

Meine Familie unterstützt mich/ uns voll und ganz. Meine Eltern sind uns eine große Hilfe im Alltag. Sie betreuen an einigen Tagen der Woche die Kinder und helfen uns oft mit dem Kochen.

Grundsätzlich finde es super hilfreich Lernende zu sein. Damit kann ich unsere Kinder sehr verständnisvoll und mit hilfreichen Lernstrategien durch die Schulzeit begleiten. Natürlich ist es für Kinder oft schöner, einen routinierteren Ablauf zu haben als es bei uns gerade möglich ist. Und natürlich finden die Kinder oft, dass wir „zu viel Lernen“ müssen. Aber gut. Alles hat seine Vor- und Nachteile 😉 Am Ende des Tages kann man es vermutlich herunterbrechen auf: „Glückliche Eltern = Glückliche Kinder“.

Ich habe mal meine Tochter gefragt wie sie es so mit uns als studierenden Eltern findet:

„Also ich finde es nicht schlimm das Mama und Papa studieren. Denn ich kenne Mama gar nicht anders. Bei Papa war es die ersten Wochen ungewohnt, aber ich habe mich schon dran gewöhnt. Manchmal ich es nicht so schön, denn sie lernen fast denn ganzen Tag. Aber ich finde sie sind immer noch genug für uns da. Ich liebe sie einfach!!!“

Auch für mich ist es immer wieder spannend, meine Kinder auf diese Frage antworten zu lassen. Und für den letzten Satz habe ich sie nicht bestochen. Echt nicht!


Ohne welches „Hilfsmittel“ / Studienmaterial könntest Du nicht leben?

Ich könnte definitiv nicht ohne meinen Laptop studieren. Ohne Drucker auch nicht. Vor allem aber ohne meinen (Papier)-Kalender nicht.

Ich bin ein Hybrid. Auf der einen Seite muss ich mir meine Skripte digital anfertigen und auf der anderen Seite brauche ich sie immer noch in Papierform. Wenngleich mein Ökoherz das nicht lustig findet. Denn im Laufe der Jahre entstehen da schon verdammte Papierberge.

Was treibt Dich an? Was wäre Dein Traumjob nach der Uni?

Ich möchte die Kinderärztin werden, auf die die Kinder und ihre Eltern sich freuen. Die Kinderärztin, der sie vertrauen können. Bei der sie sich fallen lassen können. Die ihnen aber auch die Werkzeuge an die Hand gibt, um selbstständig mit allen schwierigen (medizinischen und zum Teil auch unmedizinischen) Herausforderungen umgehen zu können.

Das ist Nina. Sie wird eine tolle Ärztin. Tausend Dank, dass Du Dich für ein Interview zur Verfüng gestellt hast.